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Entzogene Kunst zu Kriegsende

Unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gab Adolf Hitler den Befehl, die Bestände der Museen in Wien und des Zentraldepots beschlagnahmter Kunst außerhalb Wiens zu lagern, um sie vor Bombenschäden zu schützen. Die bedeutendsten Stücke des Zentraldepots wurden in das aufgelassene Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich gebracht, schwer transportierbare Werke wurden in speziellen Luftschutzräumen in Wien deponiert.[1]

Nachdem das Gebiet Österreichs in die Reichweite der alliierten Bomber gekommen war, begannen die NS-Behörden Ende 1943, die an verschiedene Orte ausgelagerten Kunst- und Kulturgüter zentral zusammenzuführen. Ausgewählt hatte man dafür die in Oberösterreich bzw. in der Steiermark gelegenen Salzbergwerke Altaussee und Lauffen nahe Bad Ischl. Die abgeschiedene Lage, die natürliche Schutzfunktion des Berges und die klimatischen Bedingungen machten diese Stollen zu idealen Lagerungsorten. In Lauffen lagerten die Nationalsozialisten neben den Sammlungen des Kunsthistorischen Museums Teile des Wiener Zentraldepots.[2] In Altaussee hingegen wurden tausende Kunst- und Kulturgüter unterschiedlichster Herkunft zusammengetragen. Neben den für das geplante Linzer Führermuseum vorgesehenen Kunstwerken und anderen Teilen des Zentraldepots in Wien waren in den Stollen von Altaussee unzählige weitere geraubte oder ausgelagerte Werke aus allen Teilen des Großdeutschen Reiches untergebracht.[3]

In den letzten Kriegstagen entgingen die Kunstwerke in Altaussee und Lauffen nur knapp der Zerstörung. Hitler hatte im August 1944 mit dem Nero-Befehl[4] den Auftrag erteilt, den anrückenden alliierten Truppen verbrannte Erde zu hinterlassen. Die Verantwortung für die Ausführung dieser Aktion trugen die einzelnen Gauleitungen.[5] Die in den Stollen tätigen ExpertInnen sowie BergarbeiterInnen konnten die Zerstörung dieser Kunst- und Kulturgüter in den letzten Kriegstagen verhindern. Sie verzögerten und sabotierten die Vernichtungspläne in der Hoffnung auf das baldige Anrücken der alliierten Truppen.[6]

Am 6. Mai 1945 trafen die ersten amerikanischen Truppen im Gebiet von Bad Ischl ein.[7] Die US-Armee hatte nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes die schwierige Aufgabe, die Rückgabe der unzähligen Kunstwerke an ihre ursprünglichen EigentümerInnen zu organisieren. Viele der in Altaussee und Lauffen gelagerten Kunstwerke wurden aus verwaltungstechnischen Gründen vorerst nach München zum Central Art Collecting Point gebracht.[8] Die Sammlungen der Museen und deren Erwerbungen aus den Jahren 1938 bis 1945 blieben jedoch in den Bergwerksstollen, bis der Rücktransport in die Museen möglich war.[9]

[1] Vgl. Herbert Haupt, Jahre der Gefährdung. Das Kunsthistorische Museum 1938 – 1945, Wien, 1995, S. 19 (im Folgenden zit. als: Haupt, Jahre der Gefährdung).

[2] Vgl. ebd., S. 51f.

[3] Vgl. Lynn H. Nicholas, Der Raub der Europa. Das Schicksal europäischer Kunstwerke im Dritten Reich, München, 1995, S. 413f (im Folgenden zit. als: Nicholas, Raub der Europa).

[4] Der Kampf um die Existenz unseres Volkes zwingt auch innerhalb des Reichsgebietes zur Ausnutzung aller Mittel, die die Kampfkraft unseres Feindes schwächen und sein weiteres Vordringen behindern. [...] Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören., 19. März 1945, Zit. nach: Dokumente zur Deutschen Geschichte, Berlin, 1977, S. 109.

[5] Vgl. Nicholas, Raub der Europa, S. 415.

[6] Vgl. ebd., S. 417.

[7] Vgl. ebd., S. 193.

[8] Vgl. Theodor Brückler, Quellendokumentation, in: Theodor Brückler (Hg.), Kunstraub, Kunstbergung und Restitution in Österreich 1938 bis heute, Wien-Köln-Weimar, 1999, S. 260.

[9] Vgl. Herbert Haupt, Das Kunsthistorische Museum. Die Geschichte des Hauses am Ring. Hundert Jahre im Spiegel historischer Ereignisse, Wien, 1991, S. 184f.